EM Riesenbeck: Schweiz nach zweiter Qualifikation vorne

Schweden und Schweiz tauschen die Plätze, Deutschland weiter auf Silberkurs, Kukuk ebenso

02.09.2021 Was für ein spannender erster Umlauf im Nationenpreis der Longines FEI Jumping European Championship 2021 in Riesenbeck! Parcoursbauer Frank Rothenberger ist es am Donnerstag beispielhaft gelungen, durch fairen Aufbau mit kniffligen Aufgaben großen Sport zu zelebrieren.

Die Schweden, die am Vortag noch mit vier fehlerfreien Runden geglänzt hatten, sind nach Tag eins des Teamwettbewerbs auf Bronzekurs (11,59 Strafpunkte). Die Führung haben die Schweizer übernommen, denen drei blitzsaubere Runden gelangen (5,47). Und Deutschland konnte die Silberposition verteidigen (8,77).Die entscheidende Klippe des Parcours bei der Longines FEI Jumping European Championship 2021 war die zweifache Kombination. Es war das vorletzte von 14 Hindernissen, zwei massive Oxer am Ende des Parcours, die von den Pferden nochmal Krafteinsatz und Konzentration verlangten. Schon im Vorfeld hatte Philipp Weishaupt prophezeit: „Das ist eine Championship-Kombination.“

Er sollte recht behalten. Hier passierten bei weitem die meisten Fehler. Auch bei dem Sieger des gestrigen Zeitspringens, David Will mit C-Vier. Die beiden erwischte es am Einsprung. Die vier Fehler warfen sie auf Platz elf in der Einzelwertung zurück.An vorderster Stelle rangiert jetzt mit gerade mal 1,31 Strafpunkten der EM-Titelverteidiger, der Schweizer Martin Fuchs. Er sitzt in Riesenbeck nicht auf seinem Erfolgspferd Clooney, der einen schweren Koppelunfall hatte, nach dem er wohl nicht mehr in den Sport zurückkehren wird. Aber Martin Fuchs zeigte in Riesenbeck glücklich Videos von den Fortschritten, die die Genesung seines Kämpfers in Weiß macht. Einen solchen hat Fuchs auch mit dem neunjährigen Leone Jei unter dem Sattel, mit dem ihm heute eine stilistisch wunderbar anzusehende Nullrunde gelang. Auch Elian Baumann mit Campari Z und Steve Guerdat auf Albführen’s Maddox ließen sich nichts zu Schulden kommen für die Schweiz. Lediglich bei dem 24 Jahre jungen Bryan Balsiger mit AK’s Courage hatte es einen Abwurf gegeben, der als Streichergebnis aber keinen Einfluss auf die Führung der Mannschaft nach Runde eins des Nationenpreises hat.

Deutschland liegt nun gleich zweimal auf Silberkurs. André Thieme und DSP Chakaria machten den Pathfinder für die Mannschaft. Die Stute sprang überragend. Lediglich an der besagten Kombination klapperte es einmal, aber alles blieb liegen. Dann Marcus Ehning und Stargold. Vor dem dritten Hindernis, der Longines-Triplebarre, gab es ein Missverständnis zwischen Pferd und Reiter, Fehler. Und die Zeit reichte auch nicht ganz. Fünf Strafpunkte. Als nächstes Paar Christian Kukuk mit Mumbai – null! Eine blitzsaubere Runde bei ihrem Heimspiel katapultierte den 31-Jährigen und seinen Diamant de Semilly-Sohn von Platz zehn nach dem Zeitspringen auf den zweiten Rang der Einzelwertung mit 1,93 Strafpunkten.

Ihnen dicht auf den Fersen sind mit 1,96 Zählern Schwedens Rolf-Göran Bengtsson und Ermindo W nach einem Ritt, bei dem Bengtsson seine ganze Klasse im Sattel demonstrierte. Sie lieferten heute den einzigen Null-Fehlerritt für Schweden. Bei ihren drei Teamkollegen, Douglas Lindelöw auf Casquo Blue, Angelica Augustsson Zanotelli mit Kalinka van de Nachtegaele und Peder Fredricson im Sattel von Catch Me Not S, war jeweils eine Stange gefallen. Morgen geht es ab 13 Uhr weiter mit dem Finale der Mannschaftswertung, zugleich nächste Wertungsprüfung für die Vergabe der Einzelmedaillen.

Christian Kukuk u. Mumbai (EM Riesenbeck 2021) Foto: Stefan Lanfrentz

Zitate:

Martin Fuchs (CH):
Ich hatte einen sehr guten Tag, es hat gut angefangen, meine Teamkollegen sind super geritten und ihre Pferde sind toll gesprungen, und dann hat sich mein Pferd sehr gut gefühlt. Ich versuchte einfach, ihn ruhig zu halten, er hat sehr viel Blut und ist sehr aufgeregt. Er ist zwar erst neun, aber er scheint mit dem Druck und der Wettkampfsituation sehr gut umzugehen. Ich bin gespannt auf die nächsten Tage, morgen muss ich noch einen fehlerfreien Sprung machen, um eine Medaille für das Team zu sichern, und dann freuen wir uns auf Sonntag. Bis jetzt ist noch keine Freude angesagt. Letzte Woche, als Chaplin in Brüssel eine doppelte Nullrunde sprang, war ich sehr emotional und fühlte mich sehr traurig. Chaplin und Clooney waren immer zusammen. Sicherlich werden auch hier am Ende der Woche die Emotionen hochkommen, aber jetzt konzentriere ich mich erst einmal auf die Runden. Ich versuche, cool zu bleiben und danach können wir emotional werden.

Turnierpräsident Ludger Beerbaum: Ich denke, wir haben eine interessante Prüfung gesehen. Am ersten Tag des Nationenpreises haben wir einige wirklich schöne Runden gesehen, auch von einigen Reitern und Nationen, die man vielleicht nicht erwartet hätte, und einige der Favoriten hatten hier und da einen Abwurf. Ich hätte nicht erwartet, dass die Niederländer heute so einen schlechten Tag haben würden, aber so ist der Sport nun einmal. Alles in allem hat der Parcoursbauer gute Arbeit geleistet und für jeden die richtige Herausforderung gefunden, und ich denke, morgen wird es etwas schwieriger werden. Es kommt mehr darauf an, in der Nähe meiner Stallreiter (Eoin McMahon und Christian Kukuk) zu sein und zu wissen, was vor sich geht. Ich bin froh und fühle mich glücklich, dass die beiden mich nicht wirklich brauchen: Sie wissen, was zu tun ist, sie kennen ihre Pferde und sind beide Top-Profis. Wir haben den Parcours besprochen und sind ihn gemeinsam abgegangen, aber dann ist es ihre Sache. Es ist ein gutes Gefühl. Alle sind motiviert, die Stimmung ist gut. Ich genieße das Ganze! 

Rolf-Göran Bengtsson (SWE): Ermindo W  ist zwölf, aber wir haben es mit ihm ruhig angehen lassen. Ich hatte in Falsterbo bei den schwedischen Meisterschaften – wo der letzte Kurs groß war – das Gefühl, dass er es auch hier schaffen kann. Es dauerte eine Weile, bis er sich mit der Höhe von 1,45 m anfreunden konnte. Er war eingeschüchtert und hat sich ein bisschen zurückgehalten, aber als das weg war, haben wir einen weiteren Schritt nach oben gemacht, aber langsam angefangen. Dann habe ich nur in noch St. Gallen geritten, wo die erste Runde nicht gut, aber auch nicht schlecht war. Auch für mich als Reiter ist es so, dass man, wenn man aus dem großen Sport raus ist, auf den größeren Turnieren wieder loslegen muss – man braucht eine ganz andere Herangehensweise. In St. Gallen bin ich in der ersten Runde nicht mein Bestes geritten, aber wir haben uns dort beide von Runde zu Runde gesteigert. Dann sind wir in Rotterdam gesprungen und waren fast doppelt fehlerfrei – ich war zu langsam mit der Zeit – und in Stockholm. Das sind die großen Wettkämpfe, an denen er teilgenommen hat, also ist er auf diesem Niveau noch unerfahren. Ich muss sagen, dass es sich heute anfühlte, als würde ich wieder eines meiner älteren, besseren Pferde springen. Das ist ein schönes Gefühl, und ich hoffe, dass ich ihm dieses Gefühl erhalten kann. Es ist aufregend, und ich hoffe, dass es morgen gut wird – wir haben noch viel zu tun, aber es macht Spaß! 

Nicolas Philippaerts (BEL): Ich glaube, wir hatten gestern einen unglücklichen Start, mein Pferd war ein bisschen ängstlich, aber heute ist sie sehr gut gesprungen. Sie fühlt sich in einer sehr guten Verfassung, und die Meisterschaft hat gerade erst begonnen, also werden wir einfach versuchen, das Beste daraus zu machen und zu sehen, wo wir am Ende stehen können.

Equipechef Schweiz Michel Sorg: Ich bin so stolz auf dieses Team und diese Jungs heute! Wir kennen die Reiter, aber ihre Pferde sind neu auf dem Championatsniveau, und was sie gestern und heute gezeigt haben, ist wirklich erstaunlich. Dass wir jetzt in Führung liegen, ist natürlich toll, aber jetzt müssen wir versuchen, diesen Platz zu halten – morgen gibt es eine weitere Runde und eine weitere Prüfung. Jetzt haben wir das erreicht, aber wir wollen mit etwas in der Hand nach Hause fahren. Allen Fahrern geht es auch individuell gut, aber es ist noch nicht vorbei. Wir müssen uns auf morgen und die nächsten Stunden konzentrieren.

Angelica Augutsson Zanotelli (SWE): Ich bin sehr zufrieden mit meinem Pferd und stolz auf die Art und Weise, wie sie gesprungen ist. Ich denke, sie ist von Anfang bis Ende gleich gesprungen, was wirklich gut ist. Es war mein Fehler am Wasser, ich hätte dort etwas stärker reiten sollen. Mit der Runde selbst bin ich sehr zufrieden.  Ich liebe es, wieder auf einem Championat zu sein! Ich habe davon geträumt, und jetzt bin ich hier, und ich könnte nicht glücklicher sein. Ich will wirklich mein Bestes geben und hoffe, dass ich das Team mit einigen fehlerfreien Runden unterstützen kann. Mein Pferd hat sehr viel Blut, es ist manchmal schwierig, sie bei mir zu halten. Beim Springen hat sie den ganzen Spielraum und ist super vorsichtig, also ist die Rittigkeit die einzige Herausforderung, die wir haben.

Christian Kukuk (GER): Ich denke, ich hatte eine gute Runde. Mumbai hat mir wie gestern ein tolles Gefühl gegeben, er war konzentriert und sicher. Es bedeutet mir sehr viel, hier zu Hause zu reiten, all die Leute – meine Familie, mein Team, alle um mich herum – sie sind alle hier und unterstützen mich, und ich bin einfach glücklich, ihnen etwas zurückgeben zu können. Wenn sie glücklich sind, bin ich auch glücklich! Mumbai hat diesen Meisterschaftscharakter: Er wird jeden Tag besser und besser. Ich hatte bereits ein sehr gutes Gefühl mit ihm, was nicht immer so einfach ist, aber das gute Gefühl hat sich fortgesetzt, und ich hoffe, dass wir das beibehalten können. Mein eigenes Ziel war es, mich für den Sonntag zu qualifizieren, aber wenn es gut läuft und ich unter die ersten zehn komme, werde ich die Medaillen im Auge behalten! Aber im Moment ist das noch viel zu weit weg – ich versuche, Schritt für Schritt vorzugehen. 

Eoin McMahon (IRE): Ich hatte gestern nicht den besten Start, aber ich habe für heute ein paar Dinge geändert. Ich glaube, mein Pferd war heute viel entspannter, und ich glaube, er ist heute besser gesprungen. Ich wusste, dass er von Runde zu Runde besser werden würde, und ich bin sehr zufrieden damit. Es ist wirklich schön, hier zu reiten, und zum Glück ist meine ganze Familie aus Irland angereist, die wegen Corona seit zwei Jahren nicht mehr mit mir auf einem Turnier war. Als ich zum ersten Mal über den Parcours ging, dachte ich, er sei sehr hoch, und ich hätte nicht gedacht, dass er so gut springen würde, wie er es tat. Es war ein fairer Parcours, und ich glaube, er hat die erlaubte Zeit genau eingehalten. Wir scheinen heute wieder auf dem richtigen Weg zu sein, und wenn wir so weitermachen wie bisher, denke ich, dass wir gut abschneiden werden. 

Pieter Devos (BEL): Ich bin sehr glücklich, Jade ist toll gesprungen und hat schon gestern ein tolles Gefühl vermittelt. Heute war der Parcours technisch und lang, und man musste die Konzentration und die Kraft bis zum Ende aufrechterhalten, denn dort wartete das Double. Es war ziemlich schwierig. Es ist die erste Meisterschaft für mein Pferd, und sie gab mir ein sicheres Gefühl. Wir sind hierher gekommen, um Erfahrungen zu sammeln, und eine Nullrunde heute ist ein großartiges Ergebnis, das mir Selbstvertrauen für die Zukunft gibt. Mein Ziel ist es, zwei gute Runden für das Team zu reiten, und danach habe ich keine Erwartungen mehr. Ich bin nach Tokio ohne Druck hierher gekommen, ich versuche einfach, das Beste für das Team zu tun, was ich kann. Die Anlage hier ist top, die Ställe sind fantastisch. 

Quelle: Pressemitteilung EM Riesenbeck2021 – Pressebüro Susanne Strübel/Riesenbeck International

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Meike Rath

Autorin: Meike Rath - ehemalige Turnierreiterin, frühere Pferdebesitzerin und heute Berichterstatterin aus dem Reitsport - Autorin, Redakteurin und Inhaberin von Reiterzeit.de

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